Das Mittelalter rockt!

Wer will denn auch Authentisch, wenn man es Phantastisch krachen lassen kann.

Text und Bilder: Claudia Chiodi

Für mich hat die Open Air Saison 2018 begonnen, erster Sonnenbrand bei fantastischem Wetter inklusive. Das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum in Weil am Rhein gehört für mich schon seit einigen Jahren zum festen Bestandteil meines Frischluft-Kalenders, lange Zeit als Besucher und seit letztem Jahr auch im Bereich der Berichterstattung. So kennt man durchaus den einen oder anderen auf diesem reisenden Markt und hat natürlich auch seine „Rituale“.

Der erste Gang geht zur Lieblingstaverne, dem Schwarzen Kater, dieser steht in Weil in der Regel an der Folkbühne. Dort findet an diesem Samstag auch die Markteröffnung/Morgenmesse mit Bruder Rectus, dem Hässlichen Hans und dem Tod statt. Ein wichtiger Programmpunkt, es werden einige unerlässliche Regeln im Umgang mit dem Gelände, verlorengegangenen Gegenständen und Kindern, und sonstiges Grundwissen vermittelt. Es werden Verdienste des Konsums gewürdigt, also vor allem des Alkoholkonsums, und würdige Anwärter zu Rittern geschlagen und in die Beerenwein Tafelrunde aufgenommen.  Aber es werden auch Delinquenten ihrer verdienten Bestrafung zugeführt, mit der zusätzlichen Unterstützung von Schwester Kama und Schwester Sutra wird geteert und gefedert was das Zeug hält. Danach sind natürlich die Vergebung und das gemeinsame Trinken angesagt.

Für mich Zeit über das Gelände zu schlendern, es gibt nämlich noch einiges zu sehen bevor die ersten Konzerte für mich losgehen, ausserdem meldet sich auch der Magen. Und für das kulinarische Wohl wird hier gut gesorgt, die Auswahl ist vielfältig und abwechslungsreich. So vielfältig, dass man an einem Wochenende nicht alles ausprobieren kann, auch wenn man einiges davon wieder vor den Bühnen abtrainieren kann.


CELTICA PIPES ROCK


Los geht es musikalisch für mich mit brennenden Great Highland Bagpipes im Steampunk Outfit. Üblicherweise zu sechst fehlt der Mann am Bass Harald Weinkum, deswegen ist es aber kein bisschen leiser. Die Österreich-Schottische Celtic Rock Band weiss das Publikum mit Eigenkompositionen mit Einflüssen aus Irish Folk und Symphonic Metal zu begeistern, aber auch Medleys aus Film- und Musikgeschichte finden sich in ihrem Repertoire.


VERSENGOLD


Die Folk Band aus dem Norden Deutschlands ist direkt vom Abschluss ihrer Funkenflug Tour angereist und bringt die Fans gleich zu Beginn ins Schwitzen, bei dem Sound kann man aber auch die Füsse nicht still halten. Ob vom aktuellen Album Funkenflug oder von älteren Scheiben, vor der Bühne ist man Textsicher und brüllt die gewünschte Beteiligung bei „Im Namen des Folkes“ regelrecht. Kein Wunder, ist man laut genug, soll Eike die Anwesenden mit seinen Tanzkünsten beehren. Leider erst während des Abendsets, jetzt sind wir erst im Nachmittags-Warm-Up. Für mich ist es immer wieder ein Vergnügen dieser Band zuzuhören, gerade weil sie den Spagat von magischen Momenten und einfach nur Spass am Leben zu verbinden wissen.


SALTATIO MORTIS


Und schon ist es Zeit für die Spielmänner aus Karlsruhe, ebenfalls zum Nachmittagskonzert. Wenn man dieser Band und/oder der Fangruppe auf den sozialen Medien folgt, hat man schon mitgekriegt, dass erstens ein neues Album dieses Jahr im Sommer erscheinen soll und zweitens, dass einige der neuen Stücke auf der Setlist sein könnten. Dem war denn auch so! Ausserdem wird ebenfalls verkündet, dass zum Rock Album noch eine Mittelalter CD erscheinen soll. Eines der neuen Rockstücke dürfen wir mit Verstärkung geniessen, zum Lied Mittelalter gesellen sich noch Malte von Versengold und Mr. Hurley höchstpersönlich dazu. Von Malte hört man erst gar nichts, bis er das Mikrofon von Alea übernimmt. Ein technischer Defekt? Nein, nur muss man das Ding einschalten, wie im Alea dann nach der Untersuchung des Mikros erklärt. Laut Malte ist Versengold da „viel professioneller“ und er muss das nicht mehr selber tun. Ich bin auf jeden Fall begeistert vom Lied, und überlege ob ich nicht doch das Nachtkonzert nicht auch noch besuchen sollte, weil noch vier weitere neue Lieder angekündigt werden für den zweiten Auftritt. Nur dummerweise ist gleichzeitig auch einer der seltenen Auftritte von Knasterbart, und die durfte ich noch nie live erleben. Die Entscheidung ist nicht einfach, aber fällt für einmal gegen die Karlsruher aus.


MR. HURLEY & DIE PULVERAFFEN


Die Grog’n’Roller sind seit kurzem kein Trio mehr sondern offiziell ein Quartett und in Weil hatte Pegleg Peggy einen ihrer ersten Auftritte am Bass. Stimmlich und tanzend war sie ja bisher auch schon ab und an auch der Bühne anwesend, jetzt neu auch instrumental. Sie übernimmt den Bass vorerst nur an den Abendkonzerten auf dem MPS und auf den Festivalshows. Das will ich mir nicht entgehen lassen, und bin begeistert. Ich mag sie ja auch singend, da der Kontrast zu den männlichen Stimmen einfach zu schön und irgendwie auch genau im richtigen Ausmass klischeehaft ist. Und auch am Bass macht die Dame nicht nur eine schöne Figur, sondern einen guten Job.


Mit dieser guten Laune im Gepäck benötige ich mal etwas zwischen die Kiemen, so viel Spass ist durchaus auch anstrengend. Ausserdem ist es jetzt an der Zeit die Bühne zu wechseln.


dARTAGNAN


Die Musketiere aus dem Frankenland kenne ich bisher noch nicht mit dem neuen Instrument, über den Winter ist eine Geige dazugekommen. Ebenfalls ist einiges vom neuen Album noch nicht bis an meine Ohren gedrungen, und das wird jetzt geändert. Und hier hat es durchaus Lieder dabei, die ein wenig härter und düsterer sind als auf dem ersten Album. Was bei mir sehr gut ankommt, und auch die Dämonen aus einem der neun Höllenkreise neben mir, feiern tüchtig mit. Allerdings auch das ganze Konzert über, auch diese Wesen stehen offensichtlich auf Helden, ein wenig Schunkeln und einfach feiern. Trinklieder nicht zu vergessen, weil man das so gerne macht, also das Trinken, gibt es auch ein neues dazu: Was wollen wir trinken. Ein ganz besonderes Highlight war En Garde, und dies für einmal nicht unbedingt wegen der Performance auf der Bühne. Wenn dem Ruf zu den Waffen erfolgt um die Bestie des Gévaudan zu jagen und im Publikum Duzende von Schwertern und Äxten in die Luft gereckt werden, hat das durchaus was episches, und ist so wohl nicht auf jedem Konzert möglich.

dARTAGNAN hat abgeliefert, was ich erwartet hatte. Viel Spass sowohl auf als auch vor der Bühne, Helden, schöne Frauen und das Leben gefeiert. Ein bisschen Schmachten, eine Prise Fernweh und viel Pathos, und bei Musketieren muss das so!


KNASTERBART


So unvorbereitet wie ich auf diese Piraten bin, haben sie schon ein bisschen was von einer Urgewalt. Gossenhauer-Folk, und nein, das ist kein Schreibfehler, sondern die Eigenbezeichnung ihrer Musikrichtung und so richtig passend. Mitreissend, aber nicht unbedingt feingeistig, sondern eher liederlich und frivol und voller Selbstironie. Die Texte sind aber keineswegs platt und einfallslos, sondern witzig und intelligent geschrieben, kein Wunder wenn man sich ein wenig genauer anschaut, wer hier die Finger im Spiel hat. Man kann sich nicht unbedingt des Eindruckes erwehren, dass gewisse Musiker hier ihr Alter Ego rauslassen, das sonst verborgen bleibt. Wenn ein gewisser Gitarrist noch vor wenigen Stunden einen eher ruhigen Eindruck hinterlassen hat, definiert er jetzt den Begriff Wirbelwind ganz neu. Ich amüsiere mich königlich, und bereue nicht, dass ich mich für dieses Konzert entschieden habe.


Bevor für heute Schluss ist geben sich die Spielmänner von SALTATIO MORTIS noch an der Drachenschenke mit einem kleinen Akustikset die Ehre. Ein Becher Met dazu und den Schein des Lagerfeuers und der Fackeln, was gibt es gemütlicheres zum Ausklang eines Tages? Anschliessend geht es für einmal nicht auf die Campsite sondern in gemütliche Federbetten im Hotelzimmer.

Nach einem ausgiebigen Frühstück ist es am Sonntag wieder Zeit den Rucksack zu schultern und den Fussweg zum Festival in Angriff zu nehmen. Dieser Tag ist traditionell der Familientag auf dem MPS mit tieferen Eintrittspreisen und einem nicht so straffen Programm auf den Bühnen. Heute sind es nur noch drei Bands, die das Publikum unterhalten zusammen mit den Gauklern und Walking Acts. Da bleibt auch mal Zeit sich gemütlich auf dem Markt umzusehen und andere Angebote zu geniessen. Immer wieder empfehlenswert ist ein Besuch beim Falkner der Herzen Achim Häfner, der mit seinen gefiederten Freunden allerlei Wissenswertes zu vermitteln weiss. Gerade für Besucher der Campsite steht das Zubern hoch im Kurs, und auch ich geniesse ab und an mal ein Bad im Zuber der Wölfin. Hier empfiehlt es sich allerdings bereits im Vorfeld einen Termin auszumachen.

Sonntags auf dem MPS treibe ich mich oft in der Nähe der Folkbühne rum, erstens steht da meine Lieblingstaverne Zum Schwarzen Kater, die neben Himbeerbrause auch das legendäre Kirschbier ausschenkt und der in einem Lied von YE BANISHED PRIVATEERS ein kleines Denkmal gesetzt wurde, und zweitens spielt wie so oft Sonntags eine gewisse Schottische Band auf dieser Bühne.


SAOR PATROL


Diese Band bringt ursprüngliches Schottland kombiniert mit Rock in den Dreiländerpark. Mit drei Schlagzeugern und grossen Trommeln ist relativ klar, dass die Beats den Sound dominieren. Für die melodischen Momente sind ein Dudelsack und eine E-Gitarre zuständig, eine Kombination, die mich immer wieder fesselt. Auf der Bühne wird traditionelle Kleidung getragen, und wir reden hier nicht über dieses neumodische Ding namens Kilt, nein, diese Männer wissen mit Falten und Stoff umzugehen und tragen ein richtiges Plaid in ihren Farben.

Wer sich für schottische Geschichte interessiert ist hier goldrichtig, die Band ist nämlich Teil des Clanranald Trust for Scotland, einer Organisation, die sich der Weitergabe des kulturellen Erbes und der Geschichte dieses Landes verschrieben hat. Neben der Band gibt es auch noch weitere Projekte dieser Organisation, die sehr faszinierend sind: Duncarron, die Nachbildung eines Frühmittelalterlichen Dorfes, und Combat International, professionelle Re-enactment Spezialisten mit Schwerpunkt Kampf, die schon so manch einer vermutlich in einer der grossen Fernseh- und Kinoproduktionen gesehen hat.


CUÉLEBRE


Aus Spanien kommt diese Pagan Folk Band, die am Sonntag die Festivalbühne bespielt. Die in schwarz gekleideten Protagonisten tragen grösstenteils ernste Mienen und der Sound erinnert mich streckenweise an Omnia und Faun. Für Fans dieser Bands durchaus ein Highlight, da mich diese Musik nie ganz überzeugen konnte und durch das Brennen der Sonne an diesem Tag meine Aufnahmefähigkeit deutlich gesunken ist, muss ich es auch damit stehen lassen. Bilder gibt es natürlich trotzdem von diesem Auftritt.


Noch einmal ein kühles Getränk und ein Platz am Schatten, waren angesagt, gut dass der Veranstalter mit Sonnensegeln immer wieder zusätzlichen Sonnenschutz aufbaut. Diese taugen auch als Regenschutz, was aber an diesem sommerlichen Wochenende definitiv nicht nötig war. Die dritte Band, die an diesem Tag noch einmal spielt, CULTUS FEROX durften wir bereits am Vortag auf dem Gelände geniessen. Eigentlich war ja geplant, am Sonntag noch kurz vorbei zu schauen, aber für mich ist hier definitiv Schicht im Schacht. Ich habe so viel mitgenommen, wie ich konnte, aber an Festivals ist das halt einfach so, alles geht nicht. An dieser Veranstaltung ist einer der Vorteile, dass die meisten Bands mehrere Sets spielen, so dass man doch die meisten wenigstens einmal sehen kann. Da aber noch einige Kräfte für den Nachhauseweg benötigt werden, ist es an dem Punkt einfach Zeit sich zu Verabschieden und ebendiesen Weg in Angriff zu nehmen, wie so oft müde, dreckig (ok, diesmal hauptsächlich staubig), aber glücklich. Danke an alle, die das MPS immer wieder zu einem solchen Erlebnis machen: Künstler, Schankwirte, Händler, Heerlager und auch die Besucher. Bis zum nächsten Mal!