M’ERA LUNA 2018 – Samstag

Das MERA LUNA ist in der Schwarzen Szene über die Jahre hinweg zu einer festen Institution und neben dem Wave Gotik Treffen in Leipzig zu DEM Place To Be geworden.

Text: Leo Dowidat
Bilder: Markus Felix (Dessen viele, tollen Bilder wir für einmal nicht den Bands zugeordnet, sondern als Galerien zum Schmökern eingesetzt haben – durchblättern und geniessen!)


Der Samstag des Festivals wartete dabei mit einer grandiosen Mischung aus frischen Newcomern mit Wachtumspotential und überzeugenden Headlinern auf, die für Nostalgiegefühle auf dem Flugplatz sorgten.

Man kann über die (inzwischen beklagenswert homogene) Festivallandschaft in Deutschland sagen, was man will: Doch das MERA LUNA FESTIVAL sticht immer wieder aufs Neue, Jahr für Jahr, aus dem Einheitsbrei der Veranstaltungen heraus und sorgt für ein Gefühl von „zu Hause angekommen“, kaum, dass man das Gelände des Flugplatzes in Hildesheim-Drispenstedt betreten hat. Und während auf anderen Festivals bereits am Vortag scheppernde Bässe und druckvolle Beats über die Äcker hallen, strömen am Freitag des MERA LUNAS bereits zahlreiche Gäste in die Halle des Hangars vor dem Infield. Dieses ist am Freitagabend nämlich noch für das  Publikum versperrt, doch liegen die Interessen am ersten Festivaltag ohnehin an ganz anderer Stelle: Wie in jedem Jahr geben sich drei Autoren die Ehre, die Veranstaltung mit kurzen Lesungen zu eröffnen. In diesem Jahr waren das Christian von Aster, David Grashoff sowie Markus Heitz. Doch bevor die Schriftsteller das Wort erhielten, eröffnete die Moderatorin das Programm mit der eloquenten Begrüssung: „Mera Luna, du siehst gut aus!“ Es ist eben alles ein wenig anders, hier auf dem MERA LUNA. Ein Festival zum Wohlfühlen.
Derart beseelt fiel der erste Abend für die Autorin eher gemässigt aus, schliesslich versuchte man, wenigstens etwas Schlaf zu bekommen – der erste Act auf der Main Stage stand bereits um 11 Uhr morgens auf den Brettern der schwarzen Bühne.

Traditionell waren das die Gewinner des Newcomerwettbewerbs, den das Festival ausrichtete. In diesem Jahr hatten CYBORG den Sieg geholt und so schallte zum Frühstück eine Mischung aus melodiösem Feinsinn und bretterhartem Industrial Science-Fiction-Metal über das Gelände. Die Sympathien des Publikums erwarben die Musiker besonders durch eine besonders kollegiale Geste: Sie baten Patrick von DUNKELSUCHT zum Duett auf die Bühne – eine Band, mit der sie im Wettbewerb noch um den frühen Slot konkurriert hatten.

Doch es war nicht die einzige Premiere des Samstags: ERDLING liessen kurze Zeit später den „Dämon“ von der Kette – für die Band um Sänger Neill Devin war es der erste Auftritt nach der Veröffentlichung des neuen Albums Ende Juli. Den begingen die Jungs mit drei neuen Liedern, etwa mit der Single „Wieso Weshalb Warum“, die vor einem frenetischen Publikum ihr Live-Debüt feierte. Nach den MERCIFUL NUNS, machten wir einen kleinen Schlenker zur Nebenbühne des MERA LUNA. Der Hangar neben dem Fashionzelt mit seinen tausendundeinen Möglichkeiten all sein Geld in handgefertigten Schmuck und edle Korsagen zu investieren, hat seinen Ruf als Hexenkessel für Liebhaber des EBM, Dark Wave und Electro inzwischen mehr als verdient – und so machte auch die EISFABRIK immens gute Laune und heizte Raver genau wie Menschen, die sich einfach nur in der peppigen Musik der Gruppe verlieren wollten, zu Höchstleistungen an. Ihr Cover vom „Eisbär“ von Grauzone spielte die Band jedoch nicht. „Damit müssen nun andere Bands glücklich werden“, so das lakonische Statement. Dafür musste einer der verkleideten Eisbären auf der Bühne sogar sterben – gemeuchelt von Stargast Chris L. von AGONOIZE, dessen spontaner Auftritt von den Festivalgängern lautstark bejubelt wurde.

Und während wir noch den letzten Klängen der EISFABRIK lauschen, beginnen auf der Main Stage währenddessen ZERAPHINE, gefolgt vom stimmgewaltigen Mittelalterrock von TANZWUT.

LORD OF THE LOST mussten im Anschluss gar nicht erst gross angekündigt werden: Die Hanseaten um Chris Harms fuhren an diesem Mera Luna die harte Linie und trafen damit voll und ganz den Geschmack der Autorin. Satte Growls, reissende Screams, ausufernde Schlagzeugsoli und zerbrochene Gitarren auf der Bühne – LORD OF THE LOST zelebrierte puren Rock’n Roll. Die Gitarre fand an diesem Tag gleich zwei neue Besitzer, so wurden die Bruchstücke des Instruments an Fans verschenkt und tauchten bei der Autogrammstunde von LORD OF THE LOST in den Händen glücklicher Liebhaber wieder auf. Eine andere Form von Recycling!

Nach THE 69 EYES und APOPTYGMA BERZERK erzitterte das Mera Luna unter dem gewaltigen Industrial von MINISTRY: Als erste Band des Tages bezogen die Amerikaner auch die Videoleinwand neben der Bühne ein und zogen den US-Präsidenten mit Ausschnitten aus seinen Reden ebenso wie mit der überdimensionalen Hühnerdekoration mit Trump-Frisur einmal quer durch den Dreck. Der Auftritt von Onkel Al und seinen Jungs stand klar im Zeichen des neuen Albums „AmeriKKKant“ – ein Meisterwerk, bei dem sich vor allem der umtriebige Sänger mit Mundharmonika, an den Vielsaitern und stimmlich austobte.

Der Headliner des Abends schob schliesslich sämtliche Regler nach oben und sorgte für ein, im wahrsten Sinne des Wortes, druckvolles Erlebnis: Der Bass bei THE PRODIGY hämmerte bis in die Magengegend, die stroboreiche Lichtshow liess die Zuschauer kurze Zeit erblinden – und durchdrehen: Das, was die Band auf dem Mera Luna auf die Bühne brachte, war ein lautstarkes Revival der Neunziger-Jahre und eine Hommage an die wilden Zeiten der Szene. So beendet man einen Festivaltag krachend und mit Zunder!